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Vom Bodensee über die Glarner Alpen zum Gardasee (2009)

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S-chanf -> Tirano

6. Tag - 20.08.2009

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Zwischenstationen:

Unterkunft:

Karten:

Streckendaten:

 

  • S-chanf
  • Passo Chaschauna
  • Livigno
  • Passo d´Eira
  • Passo della Vallaccia
  • Pass da Val Viola
  • Campo
  • Poschiavo
  • Tirano (Italien)

gebucht im
Hotel Bernina
in Tirano

Untergekommen im
Hotel Stelvio
in Tirano

 

072

 

Länge:
Bergauf:
Bergab:
Fahrzeit:
Schnitt:

85,09 km
2.613 hm
3.944 hm
6:43 Std.
12,7 km/h
 

 

 

Tour - Beschreibung:

    Ich trau es mir gar nicht zu sagen, aber es ist wieder ein sonniger & sehr warmer Morgen. Heute steht auch für uns etwas Einmaliges auf dem Programm: ca. 85 km und 4 Pässe hintereinander, der Höchste unserer Tour ist mit dabei, der Chauschauna mit 2.696 Meter! Also Frühstücken wir doppelt gut, um viel Kraft zu tanken. Wir machen sehr früh los, um 8:00 Uhr sind wir bereits unterwegs.

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    Nach sehr kurzer Einrollphase geht der Schotterweg zum Pass los. Aber er lässt sich gut fahren. Er wird manchmal steil, ab & zu schieben wir ein kleines Stück. Nur keine Kräfte verschleißen, wir haben heute viel vor. An der Alp S-chanf machen wir eine kurze Pause, füllen unsere Flaschen auf und können schon den Weg nach oben erkennen.

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    Bis ca. 2.200 m können wir noch fahren, dann sind ca. 500 Höhenmeter schieben angesagt. Wir treffen eine Lady, die ganz alleine einen Alpencross bewältigt. Mir wäre das nichts, wenn hier oben etwas passiert, dann ist Schluss mit Lustig. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Wir machen uns auf den Aufstieg. Auch dieser Weg ist relativ breit, also kann man sein Bike neben sich führen. Doch ab & zu ist er verdammt steil. Die Hitze dazu macht es nicht angenehmer, aber alles ist mit Willen (und vorherigem Training) machbar.

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    Auch dieser Passübergang bietet uns ein Traumpanorama. Erst mal einen kurzen Stopp einlegen und genießen. Doch all zu lange dürfen wir hier nicht verweilen, denn das war erst Pass Nummer 1 von 4!

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    Und wieder finden wir einen Trail vor, der seines gleichen sucht. Nichts verblockt, alles fahrbar, einfach nur Spaß haben. Der Trail geht über in eine Almpiste, sehr steil aber ohne Probleme fahrbar bis wir mit einem großen Grinsen im Gesicht in Livigno ankommen. Man war das wieder geil!

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    Kurz vor Ortseingang erfrischen wir uns an einem Brunnen, füllen die Flaschen wieder auf und gehen unverzüglich Pass Nummer 2 an. Der Passo Eira ist ein Straßenpass. Nicht sehr steil, durchschnittlich nur knapp 7 % Steigung. So machen wir wieder ca. 400 hm auf den nächsten 6 km. Eine Rennradtruppe überholt uns, sie sind zu schnell. Doch ein 3er Rennradteam heftet sich an unsere Fersen und da konnte ich es nicht lassen. Ich übernahm die Spitze und gab sie bis zum Pass nicht mehr her. Durchgeschwitzt standen wir oben, kurze Pause und weiter geht es zu Pass Nummer 3.

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    Am Talschluss zum Vallaccia wartet auf uns hochalpine Bergwelt. Ein kurzes Stück können wir noch fahren, dann überqueren wir eine Brücke, genießen das Panorama, beobachten ein paar Leute, die hier ihr Picknick aufgeschlagen haben. Frisches Wasser über unsere Köpfe und in unsere Flaschen und auf geht’s. Der Pfad ist anfangs zwar nicht sehr steil, aber durch viele grobe Steine sehr verblockt. Bike schieben, tragen, überheben, dann die Hitze, das macht fertig. Wir treffen auf 2 Biker, die den selben Weg eingeschlagen haben. Wir stacheln uns insgeheim gegenseitig an. Sehr steile Abschnitte, immer wieder das Bike über Felsen heben, öfter mal stehen bleiben, durchatmen, weiter gehen… und so kommen wir fast zum selben Zeitpunkt auf 2.614 m an.

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    Ja, wir haben den Passo Vallacci auch bezwungen. Aber Jürgen und ich sind uns einig, der Risitenpass ist härter zu bezwingen! Ein frischer Wind zieht hier oben. In der Ferne kann man die hohen Gipfel in Wolken sehen, düstere Wolken, die auf ein Gewitter hindeuten. Will uns das Glück verlassen? Ein paar Fotos später machen wir uns gleich auf den Weg. Ein Trail kündigt wieder mal viel Spaß an.

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    Kurzer Gegenanstieg, dann schlängelt sich der Weg weiter hinunter. Einfach nur geil und wieder mal toll zu fahren. Wir kommen glücklich & zufrieden an der Baita Pastore an. Hier endet der Trail und mündet in eine Schotterpiste. Auch was feines. Vor allem bergab. Die Bremsen glühen, unsere Finger verkrampfen, wir müssen ab & zu eine Pause einlegen. Die linke Seite des Tals sieht vom Wetter her gesehen viel- versprechend aus, Sonne pur. Doch wir müssen rechts ab auf ein kleines Sträßchen Richtung Passo Val Viola. Dort wird es immer dunkler. Uns bleibt nix anderes übrig, wir müssen da durch.

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    Also an der nächsten Wasserstelle auftanken und los geht’s, jetzt auf grobem Schotter, immer stets bergauf. Wir treffen hier einige Wanderer, die uns verwundert oder auch begeistert anschauen. Der alte Militärweg schlängelt sich stets steigend und schraubt sich letztendlich auf 2.500 m hinauf. Auf der linken Seite sehen die dunklen Wolken sehr verdächtig und bedrohlich aus , ein paar wenige kleine Tropfen kommen herab, wir sputen uns, doch zum Glück gewinnt die Sonne den Kampf gegen die Wolken. Das Panorama ist wieder mal einmalig. In Wolken verhangene Gipfel auf der einen, die tief stehende Sonne auf der anderen Seite. Einfach nur traumhaft schön. Wir machen wieder ein paar Fotos und dann kommt es Knüppel dick.

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    Von wegen tolle Abfahrt, es erwartet uns eine Kletterei auf sehr groben Felsbrocken. Diese Steinwüste haben wir dem Schweizer Militär zu verdanken, die keine Veranlassung dazu hatten, dieses Gebiet zu sichern und damit befahr oder begehbar zu machen. Wir brauchen etwas über eine halbe Stunde für die 500 m und 100 hm, dann wird der Weg besser. Besser? Er entpuppt sich als absoluter Trailtraum. Immer stets bergab, viel flow, rechts-links Kombinationen, nicht all zu steil, aber absolut geil! Wieder glühen die Bremsen, wir vernichten Meter um Meter, lassen die Alpe Campo links liegen und rollen weiter bis nach Poschiavo. So eine lange Bergabfahrt hatten wir noch nie erlebt. So viele Eindrücke von diesem Tag ersticken uns fast, lassen aber jeden Meter weiter genießen, denn es geht weiter bergab. Am Lago di Poschiavo fahren wir (verbotener Weise) links um den See. Ein toller Weg schlängelt sich am Ufer des Sees entlang, danach müssen wir auf die Hauptstraße und rollen Richtung Italien.

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    Im Kopf die Eindrücke des erlebten Tages und in Gedanken an einen tollen Abendausklang in Italien passiert etwas unvorhergesehenes mit fatalen Folgen. Wir überqueren eine Bahnschranke. Ich fahr vorne weg und kann in letzter Sekunde erkennen, dass in die Strasse eingelassene Bahngleise langsam unsere Straßenseite queren. Jetzt heißt es schnell reagieren, einen kleinen Schwenk Richtung Fahrbahninnere, um nicht mit den Rädern in die Gleise zu gelangen. Sau blöde Situation, so habe ich noch nie eine Bahnüberquerung erlebt. Kurz durchgeatmet wollte ich noch Jürgen warnen, doch es war zu spät. Er gerät mit dem Vorderreifen direkt in die Gleise, überschlägt sich sofort aus voller Fahrt (28 km/Std.) und fällt direkt auf seine Schulter. Scheiße. Ich stelle schnell mein Bike ab und rase zu ihm. Benommen steht er am Straßenrand, schwankt und bricht zusammen. Kreislaufkollaps. Ich lege ihn per stabiler Seitenlage auf den Boden, kühle seinen Kopf mit Wasser bis er wieder zu sich kommt. Sein Schlüsselbein schwillt an und mir ist klar, die Fahrt ist hier zu Ende. Es dauert 20-30 min, bis sich sein Kreislauf komplett stabilisiert hat. Er schaut mich an, was ist zu tun? Jürgen will nicht wahr haben, dass unser Alpencross so ein krasses Ende nimmt.

    Was machen wir jetzt? Ca. 500 m weiter ist die Grenze zu Italien. Ich nehme die Bikes & beide Rucksäcke und wir laufen gemeinsam langsam Richtung Italien. An der Grenze erkläre ich dem Beamten, was geschehen ist. Ich entscheide, dass es das Beste ist, wir steuern erst mal unser Hotel an (nur 2 km vom Unfall entfernt). Der Grenzbeamte ruft uns ein Großraumtaxi, das unsere Bikes mitnehmen kann. Von Ihm erfahren wir auch, dass es an dieser Stelle öfter Bikes & Motorräder hinlegt. Na Glückwunsch.

    Am Hotel angekommen glaube ich, „mich tritt ein Pferd“. Unsere Überweisung der Anzahlung ist nicht angekommen und meine Bank hat mir nix gesagt. Somit hat der Hotelbesitzer das Zimmer weiter vermietet. Klasse. Auch noch das Malör. In Tirano war ein Fest in Gange, alle Hotels ausgebucht. Er war dennoch so nett und hat herumtelefoniert. Mir war es egal was wir bekommen, Hauptsache ein Dach über den Kopf und dann schnellstens zum Arzt. Schließlich bekommen wir 800m entfernt ein einfaches Zimmer. Wieder die Bikes und Rucksäcke geschnappt und hingelaufen. Jürgen macht ein sehr schmerzverzerrtes Gesicht, ich mach mir Sorgen. Die Tochter des Hotelbesitzers kann wenigstens ansatzweise Englisch. Ich erkläre ihr die Situation, wir stellen die Bikes in die Garage, unsere Rücksäcke und Utensilien auf eine Bank im Restaurant (sie will alles ins Zimmer tragen) und bekommen einen Stadtplan mit. 500 m weiter ist eine Notfallstation. Also schnellstens hin.

    Keiner der Ersthelfer konnte Englisch, also mit Hand & Fuß die Situation erklärt. Trikot rausgeschnitten, Jürgen konnte seinen Arm nicht mehr nach oben bewegen. Ich machte klar, dass wir in ein Krankenhaus wollen. Endlich, er bekam einen provisorischen Verband, und wir wurden per Krankenwagen ins nächst- gelegene Krankenhaus gefahren. Wohin, das wusste ich derzeit noch nicht, aber die Fahrt dauerte ca. 45 min. Er wurde per Bahre in die Notaufnahme gebracht. Personalien wurden aufgenommen und es dauerte über 1,5 Std. bis er endlich geröntgt wurde. Das Schlimmste für uns, KEINER kann hier Englisch, alle nur Italienisch. Wir sitzen im Wartezimmer, es ist mittlerweile 23:00 Uhr, wir beide sahen aus, als hätten wir den ganzen Tag auf dem Bike gesessen. Wie wir gestunken haben, möchte ich gar nicht wissen, auf jeden Fall hatten wir Hunger und Durst. Den Durst stillten wir mit Leitungswasser. Für den Hunger hatten wir keine Lösung. Ein „Hilfsarzt“ holte die Aufnahmen und wir schauten sie uns gemeinsam an: Schlüsselbeinbruch, Rippenbruch und ein „komischer“ Haarriss am Schulterblatt. Das machte ihm Sorgen und er wollte auf den Spezialisten am Morgen warten um eine genaue Aussage treffen zu können. Also machte die Nachtschwester ein Bett für ihn frei und überließ uns alleine im Zimmer. Ich zog Jürgen die Bikeschuhe und Hose aus und wollte ihn im Bad abwaschen. Keine Seife, kein Handtuch. Wieder die Schwester gerufen, die genervt eine Kernseife (schätzungsweise 15 x 15 cm groß) und ein Bettlagen zum Abtrocknen brachte. Wir schauten verdutzt, aber egal, gewaschen und ab ins Bett. Klamotten hatten wir ja keine, ist aber auch egal. Ich verabschiedete mich von Jürgen und wir verabredeten, dass ich morgen früh gleich mit Klamotten vorbei komme.

    Aber halt, wo bin ich eigentlich, Ich weiß nicht einmal, in welcher Stadt wir uns befinden? Schnell noch zur Schwester, die mir nach langem hin & her ein Briefpapier mit der Anschrift des Krankenhauses übergab. Ah, wir sind in Sondalo. So, doch wie rufe ich ohne Italienischkenntnisse ein Taxi? Das habe ich dem Nachtpförtner irgendwie vermitteln können, der mit meinem Handy mir ein Taxi gerufen hat. Um 1:30 Uhr stehe ich vor unserem Hotel – alles dunkel und verschlossen. Und ich – keinen Schlüssel – na toll! Der Tag ist nicht unser. Ums Haus gelaufen, bis ich irgendwo eine Klingel gefunden habe. Nach 2 min. wurde es hell und ein verschlafener Hotelbesitzer machte mir auf. Unsere Rucksäcke und alle anderen Utensilien (Tacho, Kamera, GPS-Gerät u.s.w.) lagen immer noch an der Stelle, an der ich sie abgelegt hatte. Zum Glück ist nix weg gekommen. Ich also ALLES geschnappt, ab ins Zimmer, kurz geduscht und mit knurrendem Magen todmüde ins Bett gefallen.

    Das war ein Tag:
    85 km Länge, 4 Gipfel mit insgesamt 2.600 m bergauf, 3.900 m bergab und dann 2 km vor unserem Hotel dieses blöde Unglück ..

    … die Nacht war sehr unruhig.

     

     

     

 

Höhenprofil im Detail

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Mehr Informationen hierzu finden Sie im jeweiligen Report.

 

 

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