Dieses Mal scheint uns der Wettergott verlassen zu wollen. Lauter große, dunkle Wolken am Himmel. Na ersts mal Frühstücken – vielleicht wird es ja noch.
Wir verabschieden uns von Thomas & Gerhard, unseren gestrigen Tischnachbarn, aber unsere Wege sollten sich noch öfter kreuzen. Räder etwas geölt und ohne Regenklamotten raus auf die Piste gewagt. Heute stehen Höhenmeter auf dem Programm. Zuerst die Hauptstrasse Richtung Bormio - am Besten schnell weg bei dem Autoverkehr und Gestank. Man ist mit der Zeit wirklich von der guten Luft in den Bergen verwöhnt und merkt jede noch so kleine, stinkende Abgase. Wie soll es anders sein, nach 5 km fängt es wieder an zu regnen – also rein in die Klamotten. Ab „Le Prese“ geht es auf einer kleinen, sehr wenig befahrenen, engen Strasse ca. 5 km mit 8-9% stetig bergauf. Leider wurde der Regen immer heftiger, wir schwitzen von innen und es tropft von außen.

Es beginnt ein sehr steiler Weg, meist mit großen Steinplatten bedeckt und nicht fahrbar, nicht bei dem Wetter. Es wird deutlich kühler, der Tacho zeigt nur noch 5 Grad an und wir sind erst auf 1.650 m. Wir wollen auf 2.650 m rauf, wie wird da das Wetter mitspielen? Aussprechen wollten wir nicht was wir schon lange ahnten. Auf der Sankt Bernado Hochalm kam uns ein Jeep mit Schnee auf dem Dach entgegen – Schock. Völlig durchnässt suchten wir erst mal Schutz, hier soll eine Hütte sein, wir fanden nur verschlossene Häuser und eine Kirche. Die war zum Glück offen und wir nahmen die Gelegenheit war. Bike & wir in die Kirche, alles ausziehen, abtrocknen, frische Klamotten und dicke Handschuhe an, der Blick durch die Eingangstür nach draußen lies das Erahnte Wirklichkeit werden: Schneefall auf 1.850 m. Schluck - da müssen wir jetzt durch! Wir dachten noch an den Pfarrer der Kirche, wenn er uns so nackt gesehen hätte - das Grinsen verging langsam beim Anstieg.




Es folgte ein Aufgang, das mit dem gehen ist bitte wörtlich zu nehmen, bis zum Passo dell Alpe auf 2.450 m. Es sind ca. 10 cm Schnee gefallen, der Weg ist kaum noch erkennbar. Da – Radspuren! Die müssen schon eine weile hier vorbei sein, denn die Spuren sind kaum zu erkennen, helfen uns aber dennoch bei der Orientierung. Der dichter werdende Nebel, die immer geschlossenere Schneedecke und das fast nicht mehr auffinden des Weges - da müssen und wollen wir durch! Teilweise geht es abwärts, manchmal auch etwas fahrbar, über groben Schotter, entlang eines Baches, dann wieder ein kleiner Pfad, einem Jeepweg weiter fahrend folgend, bis wir letztendlich die Gavia Pass Straße erreichen. Der Schneefall hat aufgehört, es ist nur sehr kalt und nebelig (laut meinem HAC haben wir ca. 0 Grad). Jetzt geht es noch auf der Gavia Pass-Straße hoch auf die 2.650 m , das sind auf die restlichen 6 km verteilt im Schnitt 6% Steigung. Das Schild 14% hab ich Absichtlich übersehen ;-).


Endlich der Gavia Pass – wir haben es geschafft, treffen einige Bikeverrückte hier oben. Auch Rennradfahrer mit kurzen Hosen & Trikot die wohl vom Wetter überrascht wurden. Thomas & Gerhard waren auch schon oben und wärmten sich in einem kleinen Kaminzimmer auf, um anschließend noch nach Ponte di Legno hinab zu fahren. Eigentlich sollten wir laut unserem Plan auch da hinunter, was eine Abfahrt von ca. 18 km auf eine Höhe von 1.350 m entspricht (also 1.350 hm vernichten) – bei der Kälte und Durchnässtheit konnte man nicht von Abfahrt „genießen“ sprechen. Ich las das Schild der Wirtsstube: “Zimmer frei”.
Nach kurzer Rücksprache mit Jürgen beschlossen wir, die Nacht auf dem Pass zu verbringen. Sie wurde unvergesslich. So nach und nach lichtete sich der Tourismus-Rummel und einzig ein älteres Pärchen, 4 Italiener und wir blieben übrig. Das Zimmer sehr klein und ohne Schnick schnack: 2 Doppel-Hochbetten, ein Schrank, KEINE Heizung, Etagentoilette und Etagendusche. Jetzt hatten wir ein Problem – nasse Sachen im Rucksack, nasse Sachen an und wie Trocken bei einer Zimmertemperatur von gerade mal 15 Grad? Aber ich muss sagen, die Wirtsleute waren klasse: Kurzer Hand haben wir das Kaminzimmer in Beschlag genommen, der Wirt heizte den Kamin im Laufe des Abends immer wieder voll auf, und alle nassen Klamotten wurden wo immer möglich in diesem Zimmer aufgehängt. Nach einer Flasche Bier, einem Liter Rotwein, ein paar Cappuccino, einem Grappa, einem hausgemachten Nudelteller mit viel Käse und vielen Holzscheiten später wurde wirklich auch alles trocken! Nur eines durfte man nicht - von außen dieses Zimmer betreten, der Geruch & die Feuchtigkeit hätten einen umgehauen ;-). Die warme Dusche vorher hatte uns ja schon eingeheizt, jetzt tut der Kamin den Rest. Wir wurden Müde und eine unerwartet ruhige und entspannte Nacht begann ihren Lauf...
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